Rechte Gewalt stoppen
Rede Fan-Projekt Bremen auf der Demonstration am 28.09.2011

Das Fan-Projekt Bremen unterstützt die Demonstration der Werderfans gegen Rechte Gewalt und hat für die Fans die Demonstration angemeldet.

Ebenso wie die Fans befürchtet das Fan-Projekt, nach dem erschreckenden Prozessauftakt im Bremer Amtsgericht zum Überfall auf eine Party von antirassistischen Werderfans vor über vier Jahren, dass die Bedrohungen, Anfeindungen und körperliche Übergriffe auf Werderfans nun weitergehen.

Kein Beamter auch nicht die Richter gingen gegen die Gruppe der Unterstützer der Angeklagten vor, als diese zum Teil vermummt, pöbelnd und Zuschauer fotografierend im Amtsgericht erschienen. Niemand der Autoritäten setzte ihnen eine Grenze, was sie trefflich auszunutzen verstanden.

Auch die Begründung des Gerichts, dass es sich um eine Auseinandersetzung unter Werderfans gehandelt hat und mit der Einstellung des Prozesses die Fanszene befriedet werden soll, trägt nicht dazu bei, den Nazis bei ihrem Treiben ein Riegel vorzuschieben. Das Fan-Projekt Bremen erklärt deshalb mit aller Deutlichkeit, dass es sich bei dem Überfall um eine politische Aktion von Neonazis gehandelt hat, die eine antirassistische Fangruppe von Werder Bremen mundtot machen wollte, damit diese ihre zivilgesellschaftlichen und demokratischen Aktivitäten gegen Diskriminierung beim Fußball einstellen.

Der Vorschlag des Gerichts das Verfahren gegen Geldbußen einzustellen und nicht mehr die Zeugen anzuhören, war für viele Fans ein Schlag ins Gesicht. Schließlich hatten die Jugendlichen über vier Jahre auf diesen Prozess gewartet, um nun endlich als Zeugen aussagen zu können. Und schließlich wurden sie ja auch von allen Seiten dazu aufgefordert Courage zu zeigen und ihre Bürgerpflicht zu tun. Dieser können sie eventuell nicht mehr nachkommen.

Das Fan-Projekt Bremen solidarisiert sich mit den Überfallenen Werderfans und wird sie auch in Zukunft bei ihrer Arbeit gegen Neonazismus und Diskriminierung beim Fußball fördern. Das Fan-Projekt fordert alle Bürger Bremens auf, sich ebenfalls mit den betroffenen und aktiven Fans zu solidarisieren und sie vor den Nazis zu schützen.

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Rede „RV“ – 27.09.2011

Rechte Gewalt stoppen!

Anhand von ausgewählten Beispielen wollen wir, „Racaille Verte“, mit diesem Redebeitrag aufzeigen, dass es sich beim Überfall auf den Ostkurvensaal nicht um einen „szenetypischen“ bzw. „innerfamiliären Konflikt“ handelte.
Es soll vor allem um die Entwicklung der Bremer Fanszene gehen.
Es soll darum gehen, wie Nazihools seit Jahren versuchen, den antirassistischen Teil der Bremer Fanszene einzuschüchtern, zu bedrohen – und mundtot zu machen.

Am 20.01.2007 wurde die Party zum einjährigen Bestehen unserer Gruppe von rechten Hools überfallen. An dem Übergriff waren Mitglieder der Hooligangruppen „Standarte Bremen“, benannt nach der Bremer SS-Division mit dem Namen „Standarte 88“ und der Nachwuchsgruppe „Nordsturm Brema“ bzw. „NSHB“ beteiligt. Den Fußball nutzen sie vor allem für die Rekrutierung von rechtem Nachwuchs und für die Kampfsporterprobung.

Nachdem sich die Fanszene in den 80er-Jahren (wie überall in Deutschland) aus Kutten und Hooligans zusammensetzte, kam es Ende der 90er Jahre zur Gründung der ersten Ultragruppe, der „Eastside Bremen“. Doch auch mit dem Einzug der Ultras ins Weserstadion änderte sich zunächst nichts an der rechten Stimmung. Fremdenfeindliche und diskriminierende Gesänge waren an der Tagesordnung und wurden von Publikum und Verein stillschweigend toleriert. Erst nach einigen Jahren fand ein Umdenken statt und ein „antirassistischer Grundkonsens“ konnte in der Ultraszene etabliert werden. Rassistische Gesänge wurden nunmehr von den Ultras unterbunden. Dabei spielte vor allem die Gruppe „Cercle d’amis“ eine Rolle. Das 2002 gegründete CDA war die erste Gruppe in der Ostkurve, die sich antifaschistisch und links positionierte. Dies hatte zur Folge, dass die Gruppe das „perfekte Feindbild“ der Nazihools war. Neben Einschüchterungsversuchen kam es zu einem ersten Übergriff: Im Dezember 2004 spielte der SV Werder in Valencia. Rund um das Champions-League-Spiel wurden vermeintliche Aktivisten des CDAs von rechten Hools angegriffen.

Im Juni 2006 wurde die Abschiedsparty der inzwischen aufgelösten Ultragruppe „Eastside ’97“ von etwa 20 Nazihools aufgesucht. Sie waren wohl auf der Suche nach vermeintlichen Antifaschist_innen. Nur durch viel Glück kam es an diesem Tag nicht zu einem ersten „OKS-Überfall“.

Nachdem die „Eastside Bremen“ aufgelöst wurde, bilden heute vier relevante Gruppen den Kern der aktiven Fanszene: „Wanderers Bremen“, „UltrA-Team-Bremen“, „Infamous Youth“ und „Racaille Verte“.
Unser Hauptanliegen ist es, den SV Werder sowohl bei Heim- als auch bei Auswärtsspielen zu unterstützen. Dabei versuchen wir mit aufwendigen Choreographien sowie Trommeln, Fahnen und Transparenten für farbenfrohe Atmosphäre im Stadion zu sorgen. Darüber hinaus organisieren wir uns auch im sozialen Bereich. Zum Beispiel organisierten wir in den letzten Jahren mehrmals eine Kleidersammlung zu Gunsten der Bremer Drogenhilfe. Wir treten ein für eine freie Fankultur! – Wir treten ein gegen Rassismus und Diskriminierung!

Aufgrund dieser eindeutigen Positionierung geraten neben uns sowohl die Gruppe „Infamous Youth“ als auch das sozialpädagogische Fanprojekt immer mehr in die Schusslinie der Nazihools. So kam es rund um den Überfall auf unsere Party im Januar 2007 zu weiteren Übergriffen und Einschüchterungsversuchen. Dabei wurde zum Beispiel ein Mitarbeiter des Fanprojekts tätlich angegriffen.

Die Nazihools schafften es, eine Atmosphäre der ständigen Bedrohung zu schaffen. Hinzu kam nach dem Übergriff die mangelnde Unterstützung und Positionierung unseres Umfeldes. Der damalige Fanbeauftragte des SV Werder sprach z.B. von „gewalttätigen richtungspolitischen Auseinandersetzungen“ und verkannte damit komplett die Situation.

Wir ließen uns jedoch nicht beirren und nach einer kurzen Phase des Schocks positionierten wir uns noch deutlicher gegen rechte Ideologien und gründeten im März 2008 gemeinsamen mit anderen Gruppen und Initiativen die „Antidiskriminierungs-AG“.

Seitdem steht das bis dahin antifaschistische Engagement einzelner Gruppen auf einer breiten Basis. Auch Werder Bremen geriet vermehrt in die Kritik und wurde somit unter Druck gesetzt, gegen die Nazihools aktiv zu werden. Auch im Verein gibt es nun eine Arbeitsgruppe gegen Diskriminierung. Die Sensibilisierung für Rassismus und andere Diskriminierungsformen scheint bei großen Teilen des Publikums im Weserstadion angekommen zu sein.

Dies zeigte sich auch am 8.11.2008 in Bochum:
Im Gästebereich des „Ruhrstadions“ zeigten die Nazihools von „Nordsturm Brema“ ein Transparent mit der Aufschrift „NSHB“, das nicht zufällig mit der Buchstabenkombination „NS“ spielt. Die Reaktion der mehreren tausend Werderfans war eindeutig. Unter lauten „Nazis Raus“-Rufen mussten die Nazihools unter Polizeischutz aus dem Block gebracht werden. Die früher rechtslastige Fanszene hat an diesem Tag eindeutig gezeigt, was sie von Rassismus hält und den Neonazis keine Chance gegeben.

Diese deutliche Positionierung aller Werderfans änderte allerdings nichts an der Strategie der Nazihools, uns zu bedrohen und anzugreifen. Deutlich wurde dies z.B. bei einem Angriff auf den Werderfanblock beim Amateurhallenturnier in der Bremer Stadthalle am 19.12.2010.
Aber auch in den letzten Wochen und Monaten wurde von Seiten der Nazihools versucht, Zeug_innen zu bedrohen und Antifaschist_innen mundtot zu machen. Der Öffentlichkeit wurde das Vorgehen der organisierten Rechten am letzten Donnerstag im Bremer Amtsgericht vor Augen geführt, als sie sowohl Prozessbeobachter_innen als auch Journalist_innen abfotografierten und bedrohten.

Heute stehen wir hier, um ein klares Zeichen gegen rechte Gewalt und gegen rechte Ideologien zu setzen:
Bei dem Überfall auf unsere Party handelte es sich in keiner Weise um einen „szenetypischen Konflikt“. Es handelte sich um einen politischen Übergriff von organisierten Neonazis. Das ist keine „innerfamiliäre Streitigkeit“, sondern ein gesellschaftliches Problem. Wenn ein derartiges Verhalten, wie es am letzten Donnerstag im Gerichtssaal an den Tag gelegt wurde, von Richter_innen und Justizbehörden toleriert wird, so sind nicht nur ein paar wenige organisierte rechte Schläger_innen das Problem, sondern die Akzeptanz und Toleranz, die ihnen gewährt wird.

Heute stehen wir hier, um uns dagegen zu wehren, dass den Zeug_innen die Schuld für die lange Verfahrensdauer von 4 Jahren und 8 Monaten zugeschoben werden soll. Die Aussagen der Zeug_innen lagen nach 3 ½ Monaten vor. Das steht in keiner Relation zu der Verfahrensdauer von 4 Jahren und 8 Monaten.
Was ist das für eine Staatsanwaltschaft, die behauptet, der Grund für die lange Verfahrensdauer seien die späten Aussagen der Zeug_innen?

Wir stehen hier, um ein Zeichen der Solidarität und der Entschlossenheit zu setzen. Wir sind viele und wir stehen gemeinsam hier gegen Faschismus!

Weserstadion und sonstwo – Kein Platz für Nazis!

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Redebeitrag Infamous Youth

Zu dem Zeitpunkt des Überfalls auf den Ostkurvensaal, Anfang des Jahres 2007, hatten die progressiven Gruppen der Ultraszene gerade damit begonnen, offener mit ihren politischen Idealen umzugehen. Die Furcht vor eventuellen Übergriffen durch die Nazihooligans hemmte damals jedoch eine völlig freie Entfaltung und offensive Vertretung antifaschistischer Positionen. Viel zu groß war die Furcht vor den Reaktionen aus dem Hooliganspektrum.

Es war bereits zu einzelnen Übergriffen gekommen, allen war bewusst, dass die Nazihools versuchen würden, die Vertretung antirassistischer Ideen in der Bremer Fanszene mit allen Mitteln zu verhindern. Eine junge, körperlich hoffnungslos unterlegene Fanszene befand sich also auf dem Weg, mit erwachsenen Nazischlägern zu brechen.

Erwachsene Nazischläger, die ihnen potentiell jedes Wochenende im Rahmen eines Werder-Spiels über den Weg hätten laufen können.

Erwachsene Nazischläger, die nicht davor zurückschrecken, auch Heranwachsende aufgrund ihres Weltbildes krankenhausreif zu schlagen.

Allen Bedrohungen und Befürchtungen zum Trotz machten wir weiter – in dem Rahmen, der uns möglich war. Diskriminierende Gesänge in der Kurve wurden so gut es ging unterbunden, den Nazis im Stadion das Leben so schwer wie möglich gemacht und versucht, Aufklärungsarbeit zu leisten. Wir liessen uns nicht einschüchtern und machten weiter, immer bedacht, nicht zu viel Aufsehen mit unserer Arbeit bei den Nazihools zu erregen!

Mit dem Überfall auf die Party von Racaille Verte passierte dann das Unvorstellbare. Das, vor dem sich alle gefürchtet hatten. Das, was dem antifaschistischen Engagement in der Bremer Ultraszene den Boden hätte entziehen können.

Und so befanden wir uns einige Wochen in einer Schockstarre. Sich namentlich als ZeugIn zu melden kam den meisten, angesichts der massiven Bedrohung durch die Nazihools, unvorstellbar vor. Von offizieller Seite fanden wir keinerlei Unterstützung. Der Vorstand schwieg, die Presse schwieg, der damalige Fanbeauftragte sprach von „richtungspolitischen Auseinandersetzungen“ und äußerte sein Bedauern, dass es dem Verein nicht möglich sei, Partys dieser Art im Ostkurvensaal zu verbieten. Erst ein Zeitungsartikel im Weser Kurier, mehrere Wochen nach dem Vorfall, sorgte dafür, dass der Vorfall Aufmerksamkeit erregte. Postwendend wurde uns „Feigheit“ und das „Fehlen von Zivilcourage“, angesichts der mangelnden Bereitschaft auszusagen, von mehreren Seiten unterstellt. Es wurde u.a. ein runder Tisch mit allen Beteiligten – inklusive den Angreifern – vorgeschlagen, um „das Ganze mal in lockerer Atmosphäre zu besprechen“. Diese aberwitzige Idee stand stellvertretend dafür, dass niemand die spezielle Situation, in der wir uns als antifaschistisch eingestellte Ultras in Bremen befanden, verstand.

In der Folgezeit nahmen Polizei und Staatsanwaltschaft sogenannte „vertrauensbildende Maßnahmen“ vor und liessen durchblicken, dass den ZeugInnen des Überfalls ausreichender Schutz gewährleistet werden würde. Alles, wirklich alles sollte dafür getan werden, den Überfall aufzuklären.

Unter den Betroffenen entschloss man sich, den brutalen Einschüchterungsversuchen der Nazis nicht nachzugeben. Wir entschieden, dass alle, die etwas zu dem Überfall aussagen konnten, dies auch tun sollten. So sollte verhindert werden, dass nur eine kleine Anzahl ZeugInnen den Schutz der Anonymität verlassen und potentielle Opfer von Racheaktionen werden würden. Trotzdem blieb der zudem szeneuntypische Schritt, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, ein mutiger und riskanter. Für alle war klar, dass die Nazis früher oder später über sämtliche Namen und Adressen der ZeugInnen verfügen würden.

Hierbei sei nochmals angemerkt, dass wir die Entscheidung auszusagen ca. drei Monate nach den Vorfällen trafen. Eine Ermittlungsdauer von ganzen viereinhalb Jahren steht in keinem Verhältnis zu diesem Zeitrahmen. Es ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten, wenn das Gericht jetzt versucht, die Überbelastung des Bremer Justisystems mit dem Verweis auf das angebliche Zögern der ZeugInnen zu kaschieren. Nach dreieinhalb Monaten hatten sich alle ZeugInnen bei der Polizei gemeldet. Wer etwas anderes behauptet, verbreitet Unwahrheiten!

Als deutlich wurde, dass ausgesagt werden würde, kam es erneut zu verschiedenen Einschüchterungsversuchen und zunehmender Präsenz der Nazihools an den Spieltagen. Durchgehend war der Ultraszene bewusst, dass es nur deswegen nicht zu körperlichen Übergriffen kam, weil der Prozess noch ausstand.

Staatsanwaltschaft und Polizei signalisierten währenddessen nach wie vor, Opfer sowie ZeugInnen schützen zu wollen. Überwiegend wurde diesen Aussagen Glauben geschenkt. Die grundsätzliche, aus eigenen Erfahrungen entstandene Skepsis gegenüber Staat und Behörden wurde also in diesem Fall abgelegt. Zu überzeugend wirkten die Beteuerungen von staatlicher Seite, zu klar wirkte der Fall auf die Betroffenen, als dass die Justiz hier darauf verzichten würde, ein klares Zeichen zu setzen.

Was sich dann letzten Donnerstag vor Gericht abspielte, kann getrost als Schlag ins Gesicht für alle Beteiligten und alle anderen, die sich gegen Nazis engagieren, bezeichnet werden.

Angefangen bei Uwe Picard!
Wie kann es sein, dass der zuständige Staatsanwalt – nach über 4,5 Jahren Ermittlungen – zu Prozessbeginn im Urlaub ist? Wieviel Unverschämtheit kann ein Mensch besitzen, von den ZeugInnen Courage einzufordern, um dann am Ende selbst unterzutauchen?

Weiter mit den Zuständigen im Amtsgericht:
Es wurde im Vorfeld des Prozessbeginns wiederholt von Seiten des Fan-Projekts darauf aufmerksam gemacht, dass Nazis im Rahmen der Verhandlungen auftauchen könnten, um ZeugInnen und ProzessbeobachterInnen einzuschüchtern. Dass es in den vergangenen Monaten Bedrohungen gegen ZeugInnen gegeben hat, ist kein Geheimnis – neben Veröffentlichungen in der Presse kontaktierte sogar die Geschäftsführung des SV Werder die Staatsanwaltschaft und die Polizei. In einem internen Brief wurde auf einen konkreten Einschüchterungsversuch aufmerksam gemacht und davor gewarnt, dass weitere folgen könnten.

Von der anwesenden Polizei bis zum verantwortlichen Richter ist dies kategorisch ausgeblendet worden! Es wurden keinerlei Präventivmaßnahmen getroffen, das Konfliktpotential, das dieser Fall mit sich bringt, wurde völlig ignoriert! Dabei handelt es sich bei einigen Angeklagten um überregional bekannte und teils vorbestrafte Nazigrößen! Wie kann ein Gericht diesen Umstand unbeachtet lassen? Wie viel Dilettantismus muss eine Justiz an den Tag legen, um Szenen wie am letzten Donnerstag im Gerichtssaal zuzulassen?

Den Nazihools wurde an diesem Tag die Bühne überlassen. Sie durften vor den Augen des Richters einschüchtern, ohne dass eingeschritten wurde. Eine vermummte Person, die vor der Tür filmte, vermummte Sympathisanten der Nazis im Gerichtssaal. Das Abfotografieren von ProzessbeobachterInnen, offene Bedrohungen, Beleidigungen. All dies liessen Richter, Staatsanwalt, Polizei und Sicherheitspersonal durchgehen. Bei allen Zweifeln an der Justiz und dem Staat, es ist davon auszugehen, dass die wenigsten von uns sich solche Szenen im Vorfeld haben vorstellen können.

Und zu allem Überfluss entschloss sich der von Anfang an unmotiviert wirkende Richter Hans Ahlers dann auch noch, mit Staatsanwalt und der Verteidigung einen Deal auszuhandeln. Übrigens eine Verteidigung, die es durch dreiste Behauptungen und der Drohung, „nochmal Einhundert weitere Zeugen“ laden zu wollen, schaffte, dem Richter das Heft aus der Hand zu nehmen und diesen wie eine Marionette wirken zu lassen.

Der ausgehandelte Deal sieht vor, dass die Angeklagten ihre Taten zugeben. In Folge sollen sie mit Geldstrafen belegt werden, die in keinem Fall über 90 Tagessätze hinausgehen. Damit wären sie nicht vorbestraft. Dem gegenüber stehen zwei Opfer, die ins Krankenhaus mussten, 40 weitere Leichtverletzte und eine große Masse an traumatisierten Menschen. Angeblich soll diese Abmachung dazu dienen, den „Konflikt zu befrieden“ und nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen! Sind diese Äußerungen tatsächlich ernst gemeint? Herrscht im Bremer Amtsgericht tatsächlich ein solch unerträgliches Maß an Weltfremdheit und Naivität? Den Beruf als Strafrichter, zu dem es gehört, über Urteile auch präventiv zu wirken, sollte Herr Ahlers bei solch einem Ausgang des Prozesses besser an den Nagel hängen.

Für die Naziszene wird dieser Tag ein klarer Triumph gewesen sein, der sie in ihrem Selbstbewusstsein bestärkt. Verantwortlich dafür ist die Bremer Justiz, die in diesem Fall eigentlich alles falsch gemacht hat, was sie hat falsch machen können.

Doch Schadensbegrenzung ist nach wie vor möglich! Auch, wenn die Chancen mehr als schlecht wirken, fordern wir, das Verfahren morgen nicht zu beenden, sondern es wie geplant fortzusetzen und angemessene Strafen zu verhängen. Noch ist es nicht zu spät, ein klares Zeichen gegen rechte Gewalt zu setzen und die Szenen des letzten Donnerstag durch ein entschlossenes Handeln vergessen zu machen. Es geht hier nicht um „familieninterne Streitigkeiten“, die beigelegt werden sollten. Es geht um konkrete Bedrohungen von Andersdenkenden durch Neonazis. Bedrohungen, denen nur durch Abschreckung und entschiedenes Vorgehen Einhalt geboten werden kann. Sollte der vorgeschlagene Kuhhandel morgen tatsächlich über die Bühne gehen – und das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden – macht sich die Bremer Justiz zur Mittäterin! Sie bestärkt die Nazis in ihrem Handeln und zeigt, dass sie zum tatsächlichen Schutz der ZeugInnen nicht fähig ist. Ein solches Armutszeugnis darf sich dieses Gericht nicht ausstellen.

Der Prozess muss fortgesetzt werden! Angemessene Strafen müssen verhängt werden!